Dieser Artikel erschien ursprünglich in der zweiten Version meines Weblogs, uninformation.org Vers. 1, das von Dezember 2006 bis Juni 2009 aktiv war, und wurde hier aus blognostalgischen Gründen archiviert. Neue Artikel hat die aktuelle Blogversion im Angebot.

Kindle — Die Zukunft des Lesens?

Das handliche kleine Gerät voller Wissen und Weisheit, in das Captain Picard hinein starrte und irdische Buch-Klassiker aus einer riesigen digitalen Bibliothek las, in der Hoffnung, aus diesen Ratschlag und Legitimation für sein imperialistisches Handeln zu gewinnen, gilt auch heute noch als Inbegriff Realität gewordener Science-Fiction. Deshalb ist das »digitale Buch« der Heilige Gral der Computertechnik.

Der nächste Versuch dahin: Der »Kindle«. (Ich hoffe, der Name klingt im Englischen nicht so bescheuert wie auf Deutsch. ;-)) Ein wahrlich nicht sonderliches schönes Lesegerät, das Lesevergnügen ohne das Schleppen schwerer Stapel toter Bäume verspricht. Lesen darf man darauf aber nur Amazons eigene elektronische Bücher. Die Zeiten sind vorbei, in welchem man ein Buch in der Hand hielt und sagen konnte: »Mein Buch«. Mit dem Kindle bekommt man DRM verseuchte E-Books von Amazon zur Verfügung gestellt. Diese darf man lesen. Und das war es auch schon an Rechten, Mark Pilgrim hat das wunderbar gegenüber gestellt. Früher galt, in den Worten von Amazons Jeff Bezos aus dem Jahre 2002 (zit. nach Pilgrim):

When someone buys a book, they are also buying the right to resell that book, to loan it out, or to even give it away if they want. Everyone understands this.

Davon will man im selben Hause 2007 nichts mehr wissen (Amazon, Kindle Terms of Service, zit. nach Pilgrim):

You may not sell, rent, lease, distribute, broadcast, sublicense or otherwise assign any rights to the Digital Content or any portion of it to any third party, and you may not remove any proprietary notices or labels on the Digital Content. In addition, you may not, and you will not encourage, assist or authorize any other person to, bypass, modify, defeat or circumvent security features that protect the Digital Content.

Wie es DRM-Diensten so eigen ist, zeichnet der Kindle-Dienst sämtliche Aktivitäten des Kindle-benutzenden Kunden auf und kann die Nutzung der Bücher durch den Kunden auf Knopfdruck beenden.

Schöne neue Welt. Da gehen sie dahin, die naiven Science-Fiction-Träume. Der Kindle ist nicht nur ein anderes Medium, ein Tausch digitales Gerät vs. tote Bäume. Es ist vielmehr der Versuch eines Wandels des jahrhundertealten Kulturguts Buch hin zu kostenpflichtigen »Content«. Buch lesen und dann verschenken? Nö. Buch lesen und dann in Bookcrossing aussetzen? Nö. Buch Deiner Freundin zum Lesen auf ihr Gerät geben? Nö.

Echo: Viel zu naiv technokratisch von Anil Dash. Ein Verriss von »Indiskretion«, der das Gerät an den falschen Stellen zerreisst. Und eine techno-affirmative Hymne von Neunetz, die den kulturellen Wandel durch DRM als eine Randerscheinung des Fortschritts verniedlicht.

Die Zukunft des Lesens? So nicht. Der Kindle ist ein dreister Versuch, das gute alte Buch in die abzockende Verwertungskette von DRM–Kontrollfreaks zu ziehen. Und das ausgerechnet von einem Unternehmen, das seine Millionen mit eben jener freien Handelbarkeit des Gutes »Buch« gemacht hat.
Die Zeitung wird immer mehr ins Netz wandern. Ich lese auch nur noch digital, weil mir der regelmäßige An- und Abtransport von Papier zu aufwändig ist. Aber ich halte jede Wette, dass auch in 100 Jahren der gute alte »Moby Dick« (Abb. oben) noch auf Papier gelesen wird. Darum wird der Versuch, mit dem Kindle als »iPod des Lesens« einen ähnlichen Paradigmenwechsel auszulösen, zum Scheitern verurteilt sein. Glücklicherweise…

[Nachtrag 25.11.2007] O’Reilly-Radar hat ein paar Stimmen, die sich nicht auf orgiastische Technik-Apologetik beschränken sondern mehr in Richtung »Kultur« denken. Aber trotzdem unsinnig sind. So wird zum wiederholten Male das angebliche proprietäre Format von Apple für Musik auf dem iPod als Beweis für die Folgerichtigkeit der Kindle-Lösung angeführt.
Nur: Häufiges Wiederholen macht »falsch« nicht »richtig«. Der iPod hat kein proprietäres Format. Es steht jedem iPod-Benutzer frei, Musik aus beliebigen Quellen drauf zu hauen. Und damit stürzen diese Vergleiche ein wie ein Kartenhaus im Durchzug.

[Nachtrag 28.11.2007] »A Brief Message« setzt den Schlusspunkt: »PEOPLE DON’T WANT TO READ BOOKS ON A SCREEN



8 Kommentare


marcel weiß am 23.11.2007:


Ich verniedliche DRM? Man kann mir viel unterstellen, aber das ist schon starker Topak. Ich habe lediglich festgestellt, dass bei den großen Verschiebungen, was die Inhaltedistribution angeht, der Firstmover immer auf DRM setzt. Ich halte DRM für Stuß und habe das in der Vergangenheit auch und besonders in Richtung Apple zB oft scharf zum Ausdruck gebracht.
Mein Text entstand letzte Nacht, kann also sein, dass die eine oder andere Formulierung etwas unscharf war. Aber: Ich habe auch gesagt, dass DRM sich eben nicht wird halten können (Markt, Angebot, Nachfrage, blahblah). Und ich habe DRM als einen der Hauptnachteile von Kindle bezeichnet.

“Der Kindle ist ein dreister Versuch, das gute alte Buch in die abzockende Verwertungskette von DRM–Kontrollfreaks zu ziehen.”
Wie bei Musik und Ipod. Ich hoffe, dass ein DRM-Reader sich nicht so festsetzt wie es das bei portablen Musikplayern der Fall ist.

Übrigens: Romane werden sich länger auf Papier halten. Aber alles andere, Periodika und Sachbücher, das wird in Papierform zurückgehen und digital werden. (Ich hatte es auch bei mir in den Kommentaren gesagt, ich seh das vor einem Zeithorizont von 5+ Jahren)

P.S.: Ja, zu sagen, ich würde DRM verniedlichen, trifft mich da wo’s wehtut, weil ich ein vehementer Gegner von DRM bin und so einen Vorwurf entschieden zurückweise. :)

Ralf G. am 23.11.2007:


DRM und Verharmlosung: Im Zusammenhang mit dem Kindle meine ich das natürlich nur, nicht generell und überhaupt. ;-)

Den DRM-Stunt von Amazon mit “naja, zu Beginn einer technischen Entwicklung haben halt alle DRM” abzutun, wird dem nicht gerecht. Es ist ein Versuchsballon, Bücher als kostenpflichtigen digitalen “Content” hinabzuwürdigen. Und als solches elementarer Teil des Gesamtprojekts, wichtiger als das abscheuliche Design, und nicht ein Randaspekt einer eigentlich faszinierenden Entwicklung.

Und der iPod/iTunes-Vergleich hinkt übrigens auf das Allergewaltigste.;-) Auf meinem iPod befindet sich 95% DRM-freie Musik von meinen eigenen CDs. Den iPod kann man benutzen, ohne auch nur einen einzigen Connect mit dem iTunes-Store gemacht zu haben. Wohingegen der Kindle nicht mal meine Fachbuch-PDF-Sammlung anzeigen darf.

marcel weiß am 23.11.2007:

Der Vergleich zwischen dem E-Reader-Markt und dem Musikplayer-Markt sollte keine Verniedlichung für Kindles DRM sein (auch wenn ich jetzt besser nachvollziehen kann, was Du meintest), sondern war lediglich eine Beobachtung sich ähnelnder Marktvorgänge. Besonders dass Amazon hier den selben Weg geht, während es als erste große Company einen DRM-freien MP3-Shop aufzieht, entbehrt ja wohl nicht einer gewissen (nicht verniedlichenden) Ironie. It’s like deja vu all over again.

Und okay, den DRM-Aspekt habe ich nur am Rande betrachtet. Weil ich vom Gefühl her davon ausgehe, dass das in der zweiten oder spätestens dritten Generation eh offener wird. Bzw. ein Konkurrent mit einem besseren, offeneren Gerät um die Ecke kommt. Hätte man allerdings mehr drauf eingehen sollen. Vielleicht bin ich schon zu doctorowisiert, weil ich davon ausgehe, dass das DRM-Konzept eh keine Zukunft hat. Und man das nicht immer breit ausführen muss, warum und wieso. Muss man aber. Weil die Welt nicht aus Corys besteht.

Ich hatte aber auch extra auf den LockIn nochmal hingewiesen, bei den Nachteilen:
“LockIn, es ist nicht ein Produkt, sondern ein Amazon-Service, ohne Amazon geht hier (fast) gar nix”

Was den Ipodvergleich angeht: Okay. Ich habe selbst keinen, aber meines Wissens nach wird Musik auf den Ipod doch vorher in AAC umgewandelt, oder? Wird das dann nicht auch mit DRM versehen, so dass man die Stücke nicht einfach von da wieder runterladen kann? Du bekommst die DRM-freie Musik zwar drauf, dann ist sie aber nicht mehr DRM-frei. :)

Dass Kindle keine einfachen PDFs anzeigen kann, ist allerdings in der Tat ein schlechter Witz.

Ralf G. am 25.11.2007:


Was Du meinst ist der Zune, nicht der iPod. ;-)

Der iPod versteht sowohl MP3 als auch AAC. Und letzteres ist nur ein anderer (besser komprimierender) Codec und hat zunächst mit DRM gar nichts zu tun. DRM kommt nur (und nur dann) ins Spiel, wenn man entsprechende Titel im iTunes-Store kauft. Die Software iTunes (nicht der Store!) und der iPod arbeiten dahingehend zusammen, dass iTunes die Musik organisiert und auf den iPod kopiert. Die Notwendigkeit, auf dem iPod auf Dateisystemebene rumzufrickeln, wie das Windows-User mit dem USB-Stick vom Discounter gerne machen, ist damit nicht gegeben. Warum sollte man das auch tun wollen?

Wenn die Windows-Schädigungen halt so tief sitzen, dass man dass doch tun möchte, gibt es inofizielle Werkzeuge. Der iPod lebt aber mit der Software iTunes zusammen und macht alleine eigentlich keinen Sinn. Aber mit DRM hat das nichts zu tun, dann wäre jede Musik-Organisations-Software außer »ich schiebe Dateien auf ein gemountetes Laufwerk« DRM.

Und nachdem wir das festgestellt haben ;-), bricht auch Deine Argumentation ein wenig zusammen. Der Kindle ist eben nicht, wie der iPod, Innovation mit ein bißchen DRM, die aber später verschwindet, weil der weise Cory das so sagt (als ob das ein Argument wäre). Von wegen »frühe Ausprobierer« und so. Sondern der Kindle ist das Gerät zur DRM. Nicht umgekehrt. Darum verwundern mich auch die Reaktionen auf den (vor allem englischsprachigen) Technik-lastigen Seiten. Manchmal glaube ich, dass im Web ein naiver Technizismus grassiert, nach dem Motto: »Technik + Neu = Gut«.

WortWerker am 25.11.2007:


’tschuldigung, ist das hier eine Privat-Diskussion? Nein? Gut. Zwischenfrage: Wurden eBook-Reader nicht schon im letzten Jahrtausend als “die Zukunft des Lesens” bezeichnet?

Ralf G. am 25.11.2007:


Aber immer doch, Herr WortWerker. ;-)

Ja, wurden sie, eben weil sie der Geek-Traum aus der SF sind. Deshalb wird ja auch jeder noch so klägliche Versuch so gnadenlos als »zukunftsträchtig« abgefeiert.

Es gibt in dieser Richtung durchaus technische Entwicklungen, die interessant sein könnten. Heutzutage kommt halt neben der bezahlten PR auch die freiwillige Hype-Erzeugung der so genannten »Tech-Blogger« dazu, die in ihrer Technikverliebtheit öfter mal den kritischen Geist abschalten. Die hässliche Schleuder voller DRM von Amazon ist es jedenfalls nicht, der große Schritt in die Zukunft zu Capt. Picards Philosophenbibliothek auf dem handlichen Gerät. ;-)

Boris am 25.11.2007:


Eher als die Bücher durch solchen Quatsch wie Buchlese-Computer ersetzt werden, haben wir das papierlose Büro. Viel eher.

Ralf G. am 25.11.2007:


@Marcel: Mäßige Deine Wortwahl, so einen Ton gibt es hier nicht, klick und weg!

Die Argumente sind ja nun zur Genüge ausgetauscht, Du kannst und willst nicht unterscheiden, aber das ist ja Dein gutes Recht.

@Boris: Das ist ein weiterer Mythos, an den traut sich aber niemand mehr ran, weil das Scheitern zu offensichtlich ist.

kindle drm lesen kultur