Ralf G.‘s uninformatives Blog-Archiv der Jahre 2002 bis 2024.

Die Achterbahn des Diskurs, oder: »ICH, WIR UND DIE ANDEREN« 2

Erschien am in uninformation.org.

Die zarte Blüte des Web 2.0...

Nach dem abendlichen Auftakt der Tagung »ICH, WIR & DIE ANDEREN« ging es am gestrigen Freitag mit vollem Elan an die digitale Sache. Das wuchernde Beet des Web-2.0 sollte auf seine »demokratischen und ökonomischen Potenziale« abgeklopft werden. Zu diesem Zwecke ließ sich das interessierte Publikum etwa 11 Stunden in den finsteren tageslichtlosen Kubus des ZKM sperren, in dem es sonst lustig blinkende und leuchtende Kunstwerke zu bestaunen gibt. Dieses Mal wurde aber den in vier Themenblöcken zu je drei Vorträgen organisierten Vortragsblöcken gelauscht, die in Sachen Anspruch und Niveau eine Achterbahnfahrt boten.

Die Keynote von Peter Glaser und das erste Panel unter dem Stichwort »ICH« mit Vanessa Diemand (vom ZKM), Don Alphonso und Peter Praschl musste ich leider auslassen, Oliver hat seine Vortragsnotizen zur Keynote und zu Don Alphonsos Vortrag zum Nachlesen ins Blog gestellt.

»WIR«

Zum zweiten Block, »WIR«, gesellte ich mich dann endlich zu den erwartungsfrohen Massen in den dunklen Kubus.

Volker Grassmuck betrachtete als erster Redner das »Wir« unter der Fragestellung, ob und wie »wir«, die Menschheit, uns ein Bild von uns selbst im Ganzen machen können. Was an sich nicht so einfach ist, dazu gab es in der Vergangenheit vielfältige künstlerische und philosophische Versuche. Seit aber Time Magazine uns als agierende Gesamtheit des Web-2.0 zur Person des Jahres erklärt hat, habe das Thema wieder Prominenz bekommen. Das Web-2.0 ermögliche uns, durch in Eigenproduktion und Selbstveröffentlichung (aus zunächst ganz eigennützigen Motiven: »Ich will ein Bild hochladen!«) produzierten Inhalten in der nur lose organisierten Gesamtheit auf Resonanz zu stoßen. Emergent entsehe dabei etwas, was gar nicht von den Individuen intendiert war: »Wir lernen uns selbst besser kennen!« Außerdem benötigen wir »Data-Mining für alle«, damit wir wissen können, was in der Welt los ist. Dieses Wissen dürfe nicht nur der Industrie zur Verfügung stehen. Daraus könne dann eine »Weltgesellschaft« entstehen. Dieser optimistische Blick in die Zukunft beendete einen ebenso informierten wie informierenden Vortrag.

Michael Maier stellte als nächster sein Projekt »Readers Edition« (RE) vor. Es gab zunächst eine kleine Geschichte der RE. Den Begriff »Bürgerjournalismus« möchte er abgelöst sehen durch den putzigen Anglizismus »Network Publishing«, weil (ich drücke das in meinen Worten aus) der schreibende Mob eher Verleger als Journalist sei. Nicht sonderlich schlüssig, wenn man mich fragt. Maier teilte noch die schreibenden Laien in die Kategorien »Medienähnliche Projekte«, »Blogger«, »Aktivisten« und »Wikipedia-Autoren« ein. Zum Abschluss legte Herr Maier uns noch nahe, das Buch »Infotopia« von Cass Sunstein zu lesen. Machen wir, Herr Maier!

Robert Basic, als Mann aus der Praxis und dem prallen Leben, präsentierte einen völlig anderen Ansatz. Seine These war, dass es im Web gar kein »Wir« geben könne, sondern nur im »analogen Menschsein an sich«. Begegne ein Frankfurter einem anderen Frankfurter, haben man sofort ein »Wir«, begegne aber ein Internet-Benutzer einem anderen, dann nicht. Was »Wir« wirklich sei, demonstrierte er mit einem Video von Queen, in dem der große Freddie Mercury das Wembley-Stadion in den Griff bekam. Wie das im Web sei, sollte ein Experiment verdeutlichen. Robert Basic legte ein weiteres Queen-Video auf und forderte das Auditorium auf, es dem Publikum im Wembley-Stadion gleich zu tun und Töne zu singen, die Freddie vorgab. Es machten natürlich nur wenige mit. Genau das aber sei »Wir« im Internet. Wenige machen aktiv mit, 1% vielleicht, der Rest konsumiere nur. Das, so Robert Basic, sei aber kein »Wir«! Sondern eine Diktatur einer Minderheit von Wortführern, in der deutschsprachigen Blogosphäre könne man das wunderbar begutachten. Plausible Schlüsse und ein »hemdsärmeliger Vortrag« mit überraschenden Wendungen – gut gemacht, Robert!

Fazit dieses ersten Themenblocks: Das »Wir« wurde unter drei völlig verschiedenen Blickwinkeln in drei grundverschiedenen Vortragsansätzen betrachtet, die zum Nachdenken über diesen so einfachen schwierigen Begriff eingeladen haben. Das beste Panel der gesamten Veranstaltung.

»DIE ANDEREN I – VIRTUELLE ÖKONOMIEN«

Danach waren »DIE ANDEREN« an der Reihe. Uwe Hochmuth, bereits am Donnerstag abend auf dem Podium, eröffnete mit einer Betrachtung über die Ökonomie öffentlicher Güter wie Luft oder Wasser und fragte sich, ob man das Netz wohl auch als öffentliches Gut betrachten könne. Die selbstgestellte Frage wurde aber nicht beantwortet. Außer der Feststellung, dass es im Internet Rohdatenhandel gäbe und dass ihn im und durch das Netz entstehende neue Arbeitsformen (Stichwort: »Wir nennen es Arbeit«) an Marx’ Bonmot »Religion ist das Opium des Volkes« erinnern, gab es für den hungrig lauschenden Geist keine Nahrung. Selbstausbeutung sei die neue Religion im Netz, und man solle sich gefälligst eine vernünftige Festanstellung suchen, war Hochmuths Kernaussage.

Und dann…, tja, und dann. Es gibt da einen Blogger, der sich MC Winkel nennt, mir bisher nur dem Namen nach bekannt ist und nun dem staunenden Publikum referieren sollte, wie er sich selbst zur »Marke« stilisiert hat. Es trat ein Herr an, der sich von einer blonden Assistentin das Notebook bedienen ließ und durch die Präsentation einiger Aktionen aus seiner Blog-Historie vor allem klar machte, dass ihm nichts peinlich ist. Ich habe selten bei einem Vortrag solche »Fremdschäm-Anfälle« gehabt. ;-) Es sind Auftritte wie dieser, die das stereotype Bild vom »Blogger an sich« im akademischen und professionellen Medien-Umfeld bestimmen und sicher nicht dabei helfen, mit dem was man macht ernst genommen zu werden…
Lässt man das alles mal beiseite und beschränkt sich auf die Sache »Selbstdarstellung im Web zum Zwecke des maximalem Ertrags« aka »virtuelle Ökonomie«, so darf man feststellen, dass das Ziel, sich mit seinen Internet-Aktivitäten in der »neuen Ökonomie« zu finanzieren so eben nicht funktioniert. Außer einer »Holsten-Flatrate« und dem Vergnügen, ein paar Tage Opel zu fahren, sehe ich beim Herrn MC Winkel keine modellhafte Erfolgsgeschichte, er lebt ja nicht einmal vom »Blog-Clown-Dasein«. Somit ist dieser Auftritt wohl eher als warnendes Beispiel zu verstehen. Und man fragt sich, ob Hochmuths Statement zur »Selbstausbeutung« vielleicht doch nicht so falsch ist…

Mit Peter Turi kam dann ein erfolgreicheres »Modell« ans Rednerpult. Turi sieht in Blogs weder Potenzial zur Lösung gesellschaftlicher Probleme noch ein plausibles Geschäftsmodell für sie. Andererseits lebt Turi davon, als »bloggender Nischen-Branchendienst« zum Anbruch des Tages dem schweigsamen Fachpublikum brandheiße Informationen anzubieten. Dass er sich selbst dabei nicht als »Blog« bezeichnet, ändert ja nichts an der Sache selbst: Es gibt scheinbar doch Nischen in der Netzökonomie, in und von denen sich leben lässt.

Fazit: Bis auf Peter Turis Vortrag ein enttäuschendes Panel.

»DIE ANDEREN II – JOURNALISMUS IM WANDEL«

Blogs und Journalismus – seit Jahren ein Dauerbrenner ohne tiefschürfende Erkenntnis. So auch das Panel zum Thema. Jochen Wegner von Focus Online arbeitete ein wenig lustlos seine 10 Thesen zum Journalismus zwei Jahre nach ihrer Veröffentlichung ein zweites Mal ab.
Christoph Neuberger, Professor der Kommunikationswissenschaft, feuerte ebenso lustlos unter dem Motto »Kein Vorsprung durch Technik. Journalismus im Internet« eine beeindruckende Kaskade von Powerpoint-Folien ab. Kernthese: Das Publikum benötigt die professionellen Filterer aka Journalisten, weil es sonst »quantitativ und qualitativ« überfordert sei. So wie ich beim Zuhören, die gut gefüllten Folien waren kaum zu lesen geschweige denn zu verstehen. Das ist schade, denn Neuberger hat definitiv einiges an Erkenntnis zu bieten. Schade, dass es so ungeniessbar dargeboten wurde.
Und mit Christoph Schultheis’ interessanten und amüsanten Vortrag zu Geschichte und Wirken des Bildblogs im Spannungsfeld des ewigen Kampfs gegen des Deutschens liebste »Zeitung« endete schließlich ein Panel, das dem Betrachter unbefriedigt zurück ließ. Zwei lustlose Referenten, Bedenkenträger, tief verhaftet im Vor-Internet-Denken und ziemlich affirmativ an offensichtlich zusammenbrechenden Medienstrukturen hängend, wiegen einen guten Vortrag aus der Realität des »neuen« Journalismus nicht auf.

Furioser Schlusspunkt: Peter Weibel

Einen echten Höhepunkt gab es dann zum Abschluss. Peter Weibel, Chef des veranstaltenden ZKM, ließ einen seiner brillianten Vorträge vom Stapel. In einem gnadenlosen, mit Schärfe und Tempo eines Maschinengewehrs vorgetragenen vernichtenden Verriss des herrschenden politischen Systems und der sie stützenden Medien prophezeite Weibel, eher an Volker Grassmucks optimistischen Vortrag im WIR-Panel anknüpfend als an die professionellen und akademischen Bedenkenträger des vorherigen, das Entstehen einer »neuen Öffentlichkeit«. Die Massen im Web fühlten sich durch das politische System nicht mehr repräsentiert und schaffen sich im Netz eine neue Öffentlichkeit, ganz ähnlich wie vor 150 Jahren das Bürgertum durch die Gründung von Zeitungen gegen das Meinungsmonopol des regierenden Adels vorging, so Weibel. Die Massenmedien unserer Zeit maßen sich ein Meinungsmonopol an und verlieren an Glaubwürdigkeit, so dass sich die Massen ohne öffentliche Stimme, mit dem Computer und dem Netz die Produktionsmittel auf dem Tisch sehend, denken: »Mache ich mir im Netz meine Nachrichten halt selbst, statt die gefälschten der Massenmedien zu konsumieren…« Der »Dom der Öffentlichkeit«, Hand in Hand erbaut von den »Herrschenden« und den sie stützenden Massenmedien, sei zerfallen in »viele kleine Kirchen«. Die Massen werden nach Weibel in einem »inkompetenten Wachkoma« gehalten, und das Netz ist der erste Versuch seit der französischen Revolution, sie daraus zu befreien.

Fazit

Beginnend mit der Abendveranstaltung gab es eine Wellenbewegung des Niveaus und der Erkenntnistiefe, es ging von der Auftaktdebatte stetig bergab bis zum Tiefpunkt »DIE ANDEREN I«. Danach ging es langsam bergauf, um mit Peter Weibel einen steilen Gipfel zu erklimmen.

Es dominiert das Gefühl, dass man oft beim Lesen zu Beiträgen aus dem Spannungsfeld »Netz, Medien und Gesellschaft« hat: Das kleingeistige Beharren auf dem »was ist« und für normativ »gut« befunden wird dominiert ebenso wie ein Menschenbild, das davon ausgeht, dass uns, den unmündigen Deppen in der »Masse«, von professionellen Nachrichtenfilterern die Welt erklärt werden muss. Es gibt bei den im akademisch und professionell am Medienbetrieb Beteiligten eine latente Unfähigkeit, die Zukunft über das »was ist« hinaus zu denken. Aus Angst oder Mangel an Fantasie? Oder aus einer mangelnder Fähigkeit heraus, über die rein deskriptive Betrachtung der Gegenwart hinaus zu gehen und zu denken? Ich weiss es nicht.

Zum Schluss ein »Danke schön« an das ZKM und die HfG und jene, welche die Tagung organisiert und möglich gemacht haben. Für das nächste Mal wäre mehr Licht und mehr Offenheit im Diskurs, etwa eine Prise »Unkonferenz«, wünschenswert.

Und was weitere Links und Meinungen angeht, bin ich heute mal faul und verweise auf Oliver Gassners Blogeintrag. ;-)

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Dieser Blog-Artikel erschien ursprünglich in der Version 2 meines Weblogs, uninformation.org, das von Dezember 2006 bis Juni 2009 aktiv war, und wurde hier aus blognostalgischen Gründen archiviert. Möglicherweise (oder sogar höchstwahrscheinlich) ist der Inhalt ein wenig veraltet und vorhandene Links funktionieren evtl. nicht mehr. So ist das im Internetz…